„Wie küsst man richtig?“ Shinji stand felsenfest entschlossen in der Küche.
„Wieso interessiert dich denn das auf einmal?“ Misato kramte nach einem Waschmittel.
„Bitte, sag es mir einfach! Gibt es eine besondere Formel dazu?“
Shinji war zu allem bereit.
„Ja.“ Misato richtete sich auf, und wischte sich den Schweiß lächelnd von der Stirn.
„Du gibst dich dem anderen voll und ganz hin.“
Shinji lief tiefrot an.
Misato grinste.
„Ok, danke!!“ Mit den Worten war Shinji aus dem Haus verschwunden, und lief in die NERV-Zentrale.
„So so.. was hat unser kleiner Shinji wohl für ein Geheimnis?!“ Misato hatte einen heimtückischen Blick aufgesetzt, und schrubbte dann weiter ihren Teller, der nicht und nicht sauber werden wollte.
„Da bist du ja endlich!“ Asuka schimpfte mit ihm.
„Wir trainieren heute gemeinsam, das hat doch wohl HÖCHSTE Priorität!!“
„Ja, ja, tut mir leid!“ Er entschuldigte sich, Asuka schnaubte, und das Training nahm seinen Lauf.
„Wo ist Kaworu heute?“ Shinji hatte sich eine Dose besorgt, und Asuka setzte sich, eine gleiche zischend öffnend, neben ihn.
„Im anderen Trainingsraum. Sag mal..“
Sie trank.
„Seit wann interessierst du dich eigentlich so für den Kerl?!“
Shinji lief ertappt rot an.
„Na ja.. eigentlich nur..“
Asukas Blick durchbohrte ihn.
„Er wollte heute nämlich mit mir trainieren, aber ihm ist was dazwischengekommen.
Da hab ich mich natürlich gefragt, was wohl los ist. Hahaha!“
Asuka sah ihn skeptisch an. Die Ausrede gefiel ihr nicht.
Und Shinji fiel es schon langsam schwer, sich an Misatos Konzept zu erinnern.
Außerdem glaubte er nicht, dass er es auf diese Weise schaffen würde.
Sein suchender Blick fiel auf Rei, die ihn gefühllos ansah.
Shinji atmete auf. Er hatte sie weder kommen noch gehen hören.
Doch sie sagte nichts, und ging nur an ihm vorbei.
Shinji sah ihr wortlos nach. Sie danach zu fragen wäre wohl ziemlich sinnlos gewesen.
„Du willst richtig küssen lernen?“
„Nicht so laut!!“ Flehte sie Shinji an.
Asukas Kabinentür stand nämlich noch offen.
„Du hast Glück, du fragst nämlich die Spezialistin!!“
Shinji sah erleichtert gegen die Umkleidekabine.
„Das wusste ich. Und deswegen bin ich gleich auf dich gekommen.“
„Aha.“
Asuka stieg in einem süßen Sommerkleid aus der Kabine.
„Pass auf. Eigentlich erfordert das ja jahrelange Übung..“
Sie schmierte sich Feuchtigkeitscreme ins Gesicht, „..aber mit meiner Methode schaffst du das alleine und in einer Woche.“
Sie stellte das Fläschchen hin.
„Nimm deine Hand.“
„So?“ Shinji machte es ihr nach.
„Küss sie.“ Befahl Asuka.
„Was?!“ Shinji sah sie verstört und rot im Gesicht an.
„Mann, du machst nichtmal das, und dann wunderst du dich noch über irgendwas. Mach endlich..!!“
Shinji verzog eine Miene, doch irgendwie, ganz zögerlich, legte er dann für Sekunden seine Lippen auf den Handrücken.
„Wow. Du Hengst.“ Meinte Asuka spöttisch.
„Hast du kein Gefühl? Keine Leidenschaft?!“
„NICHT ZU MEINER HAND!!“ Quieckte Shinji.
„Meine Güte, was bist du zimperlich!! Du stellst dir eben vor, dass die Hand der Mund deines Schatzes ist. Und du lässt deinen Gefühlen freien Lauf.“
Shinji sah sie derbe an.
„Vergiss es. Sieh dem Profi zu.“
Asuka begann wirklich, ihre Hand mit geschlossenen Augen zu bearbeiten.
Sie dachte wohl an Kaji. Jedenfalls kamen dann auch zärtlich Zunge und Zähne zum Einsatz, und Shinji musste zugeben, dass das ganze nicht so schlecht aussah.
„Du meinst.. so richtig mit der Zunge..?“
„Ja~!“
Shinji wirkte aber immer noch misstrauisch.
„So?“ Einmal und äußerst merkwürdig, leckte er sich über den Handrücken.
„Was machst du da eigentlich, du Ideot!!“ Schimpfte Asuka.
„Übe, und lass dich dann wieder bei mir blicken!“
Mit den Worten war die Diva aus dem Raum verschwunden.
Shinji sah ihr mit mulmigem Gefühl nach.
Hatte ihm das jetzt geholfen?
„Hei, Shinji!“
„Hallo, Kaworu!“ Shinji wurde extrem verlegen, denn er hatte nicht so früh mit ihm gerechnet.
„Was machst du denn hier?“ Kaworu begrüßte ihn strahlend.
„Nichts besonderes.“ Shinji sah ihn lieb an.
Kaworu ging los, und Shinji ihm nach.
„Hast du Zeit? Ich will mich heute wieder mit dir treffen.“ Kaworu war stets die Ruhe in Person.
„j-ja, nur..“
„Ich habe von einem neuen Schwimmbad in der Nähe gehört.
Ich will es dir zeigen.“
Shinji lächelte errötet.
„Das ist sehr nett, aber.. eigentlich mag ich keine so großen Menschenaufläufe.“
Gab er zu.
„Ach so. Macht nichts, wir können auch im Meer schwimmen gehen.
Das ist nachts traumhaft.“
Schlug Kaworu vor.
Shinji sah plötzlich ganz ruhig seitlich zu ihm auf.
„Du willst mich unbedingt sehen?“
Kaworu schwieg kurz, und antwortete dann unbeirrt, mit ebenso klarer Stimme:
„Natürlich. Ich hasse es, alleine im Zimmer zu sitzen.“
Shinji lächelte daraufhin.
Es gefiel ihm einfach, dass selbst Kaworu manchmal so menschliche Züge zeigte.
„Mir persönlich wäre jetzt einfach nach.. im-Bett-liegen-und-an-nichts-denken, oder.. Musik hören.. ich würde auch mit.. dir reden.“
Shinji lächelte schüchtern zu ihm hoch.
„Alles, was du willst!“ Kaworu war sofort einverstanden.
Shinji lag jetzt mit dem Disk-man im Bett, und Kaworu sah ihn an.
Shinji sah ihn jedoch nicht, da er vor sich hin döste.
„Was hörst du da?“ Kaworu hatte ihm einen Stöpsel aus den Ohren gezogen.
„Hm?“ Shinji erwachte überrascht.
Kaworu kraxelte neben ihn, schmiegte seine Stirn an Shinjis Hinterkopf, und hörte mit ihm mit. Shinji schlug es natürlich sofort die Hitze ins Gesicht.
„Das ist nicht schlecht.“ War Kaworus Kommentar.
„Danke.“ Shinji freute sich. Er war alleine glücklich, weil sich jemand für seine Musikrichtung interessierte.
„Schön ruhig, diese Nummer..“ Kaworus rechter Arm legte sich plötzlich um Shinjis Tailie.
Die Hand legte sich angenehm an Shinjis Bauch. Dieser zuckte entsetzt zusammen.
„Düdü~..mm..m.. dan ..“ Kaworu begann, bei dem Lied mitzusingen.
Shinji war erleichtert.
Kaworu hielt ihn einfach nur, weil er ihn gerne fühlte, und nicht weil er jetzt irgendetwas vorhatte. Und er kicherte kurz.
„Und dann.. habe ich Rei gerettet, wie es mein Vater früher genauso getan hatte.
Es war so eigenartig. Und lächelnd.. sah ich sie so zum ersten Mal.“
Shinjis Erzählungen füllten einige Stunden.
Er hatte einfach irgendwann angefangen, und musste Kaworu immer weitererzählen.
„Stimmt. Ich habe sie auch noch nie so gesehen.“
Kaworu rutschte etwas herum, und legte sich dann in Shinjis Schoß.
„Darf ich?“ Fragte er lieb grinsend.
„Ja, ja!“ Antwortete Shinji plötzlich und errötet.
„Wie ist eigentlich die Beziehung zu deinem Vater. Nicht gut, oder?“
Shinjis Blick verdüsterte sich.
„Ich weiß es nicht. Aber er gibt mir auch gar keine Chance.“
Kaworu starrte nachdenklich an die Decke.
„Ein schlechter Vater.“
Shinji horchte auf.
„Ich selbst hatte keinen, aber ich lernte, dass sie ein Vorbild für das Kind sein sollte. Gleichzeitig sollte er unterstützen, und seinem Kind beweisen, dass es für das Richtige eintritt.“
Shinji sah traurig auf das Bett von Asuka hinüber.
Es gehörte ihr zwar noch, aber sie benutzte es kaum.
„Du bist so sensibel. So ein Vater ist nicht gut für dich.“
Kaworu sah ihn mit sanften Augen an.
„Ich passe ab jetzt besser auf dich auf.“ Entschloss er.
„Okay. Danke.“ Shinji musste grinsen.
„Und was ist.. mit deinem Vater?“ Shinji sah auf Kaworu herab, der mit geschlossenen Augen in seinem Shoß lag.
„Keine Ahnung.“ Kaworu kaute stumm an einem Kaugummi, den Shinji bei sich im Zimmer gefunden, und ihn ihm geschenkt hatte.
„Und deine Mutter?“
Kaworu zuckte mit den Schultern.
„Meine Familie ist sowieso ein schlechtes Kapitel. Kenn ich alle nicht.“
„Aber warum denn?“ Shinji sah ihn beinahe verzweifelt an.
„Wo bist du dann aufgewachsen?“
„Ist das so wichtig?“ Kaworu lächelte ihn tiefgründig an.
„Ja. Mir ist es wichtig.“
Shinji wirkte sehr ernst, und Kaworu ließ sich seufzend tiefer sinken.
„Weil du mir nämlich wichtig bist, und ich einiges über dich wissen will.“
Nach diesen Worten grinste Kaworu.
„Das freut mich. Du bist nämlich auch sehr wichtig für mich.“
Kaworu sah ihn so ehrlich und wärmend an, das Shinjis Herz kurz aussetzte.
„Ich lebte im Heim. Und dort gefiel es mir sogar ganz gut.
Viele Eltern kamen, doch mich nahmen sie nicht mit.
Nur zwei Männer von NERV brachten mich dann in ihr Labor.
Was dann genau passierte, weiß ich nicht mehr.“
Kaworu grinste.
„Zufrieden?“
Shinji sah ihn an. Kaworus blutrote Augen leuchteten ihn an.
„Ja.“ Sagte er dann schließlich.
„Gut.“ Kaworu legte sich etwas näher zu ihm.
„Bei dir fühl ich mich wohl.“ Sagte Kaworu.
Shinji schoss die Röte in die Backen.
„Und? Hast du meine Technik schon ausnutzen können?“
Asuka begrüßte ihn fröhlich. Sie aßen heute gemeinsam.
Als Shinji sich stotternd hinsetzte, sah ihn Kaworu skeptisch grinsend an.
„N-nein, noch nicht!“ Sagte er dann schnell.
Asuka schnitt eine Grimasse.
„Konntest es eh nicht. Üb lieber noch. Kaji, den Tee bitte!“
Shinji seufzte, und sank in seinem Sessel etwas tiefer.
„Was üben?“
Shinji wusste, dass das kommen würde.
Und jetzt waren die beiden vom Frühstück aufgestanden und in Richtung Trainingsraum gegangen, als Kaworu die Frage stellte.
Shinji meinte verlegen:
„Es ist nicht so wichtig, Kaworu..!“
Der sah ihn mit dem selben Blick an wie beim Frühstück, vielleicht nur noch hartnäckiger.
„Ich will es aber wissen!“
Shinji wurde endgültig rot.
„Na gut~!
Also..
Asuka hat mir versucht beizubringen.. wie man richtig küsst.
Aa-aber es war schrecklich!! Ich musste meine Hand benutzen!“
Kaworu sah ihn kurz mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Ehrlich!“ bestätigte Shinji verzweifelt.
Kaworu brach in schallendes Gelächter aus.
Shinji rief empört: „Hey..!“
Kaworu konnte sich dann wieder einkriegen.
„Shinji, wenn du küssen lernen willst, wieso fragst du dann nicht mich?
ich brings dir gerne bei!“
Shinji wäre fast weggeknickt, so weich wurden seine Knie.
„Das ist es ja..! Ich wollte doch.. für dich küssen lernen..“
Kaworu sah überrascht auf.
„Für mich? Warum?“
Shinji sah ihn verlegen an. „Ich.. wollte nichts falsch machen.“
Kaworu grinste mit geschlossenen Augen.
„Wenn du es ganz langsam angehst, kann gar nichts schiefgehen.“
Sagte er liebevoll.
Shinjis Backen wurden rot und röter.
„Es geht um Gefühle. Nicht um Technik.“
„Kaworu.. wir können doch nicht.. wir sollten doch zum Training!“
„Sssch...“ Kaworu legte dem zitternden, knallroten Shinji den Zeigefinger auf den Mund.
Die beiden waren in die Herrenkabine verschwunden.
„Ich werde dich jetzt küssen. Ganz sanft. Keine Angst, du musst nicht darauf reagieren.“
„J-jetzt??“ Shinji war ganz außer sich.
Kaworu nickte lächelnd.
„Genieße einfach.“
Mit den Worten hatten sich Kaworus Lippen erneut auf Shinjis gelegt, und das Gefühl schoss ihm erneut durch alle Glieder.
Es war so intensiv und so gut – wie hatte er es vergessen können?
Ganz sanft spürte Shinji, dass Kaworu seinen Mund leicht öffnete, und die Zungenspitze seine eigenen Lippen streifte.
Shinji lief ein Schauer über den Rücken. Er war wie paralysiert.
Kaworu setzte von der anderen Seite an, und kostete so lange von Shinjis Lippen, bis sich diese ebenfalls einen Spalt öffneten.
Zärtlich leckte ihm Kaworu in den Mund, und traf so auf Shinjis ängstliche Zunge.
Erneut wurde neu angesetzt, und diesmal ging es über Shinjis Zähne, etwas weiter in den Mund.
Plötzlich ließen Kaworus vom kleinen Austausch schon etwas nasse Lippen von Shinji ab, und dieser atmete erschöpft. Sein Gesicht war total errötet.
Kaworu lächelte, und blieb noch so lange bei Shinji stehen, bis er sich erholt hatte.
„War doch nicht schlimm, oder?“ Fragte er artig.
„N-nein.“ Shinji schüttelte noch immer fertig den Kopf.
„Komm, wir gehen jetzt zu den anderen.“
„Warte!“ Shinji lief ihm nach, und griff dann nach seiner Hand.
Als Kaworu nochmal vergewissernd darauf sah, und dann in Shinjis Augen, lächelte er sanft und glücklich.
Shinji ging ohne ein Wort neben ihm her. Er war noch immer von seinen Gefühlen überrumpelt.
Teil 2 – Ende –