Am selben Abend lag Tabris in einem kleinen Bett in einem ebenso kleinem Raum
mit einem ebenso kleinem Fenster. Der Vollmond schien durch die matten Scheiben
und starrte Tabris mit seinem blassen Gesicht an. Tabris erinnerte sich an das
Zusammentreffen mit Gendo Ikari auf dem Friedhof. Er hatte ihn nur einen Moment
angesehen und nicht gesprochen... Rei-Chan hatte sich ständig hinter Tabris'
Beine versteckt, damit ihr Vater sie nicht erblicken konnte. Tabris zweifelte
daran, dass Gendo wirklich Rei-Chans Vater war. Warum, wusste Tabris nicht.
Nun war er also hier, in Japan. Er lag in einem fremden Bett, in einem fremden
Haus, in einer ganz fremden Welt. Doch sein Traum, Freiheit zu finden schien
weiter entfernt denn je. Und dann waren da all diese Leute. Misato, Soryu ,
Rei , Rei-Chan , Gendo , Shinji und schließlich er selbst. Alle waren sie ihm
neu und fremdartig. Doch noch fremder als alle anderen kam er sich selbst vor.
Als wäre dort, tief in seinem Inneren, ein zweites Ich, dass verzweifelt versuchte
auf sich aufmerksam zu machen...
In jener Nacht wurde Tabris plötzlich von vielen Stimmen aufgeweckt. Erschrocken
sah er auf den Wecker, der neben seinem Bett stand. Es war drei Uhr morgens.
Vorsichtig stieg er aus dem Bett und öffnete die Tür einen Spalt. Auf dem Flur
war es dunkel und kalt. An den Wänden konnte man die Schatten vieler Personen
sehen, die im Zimmer am Ende des Ganges im Kreis standen. In Shinji's Zimmer.
Langsam und leise schlich sich Tabris auf den Flur. Er versuchte keine Aufmerksamkeit
zu erregen und presste sich an die Wand im Schatten. Er lauschte...
>>Es geht also doch dem Ende zu...<< sagte Misato, >>Sollen
wir nicht Ikari rufen?<<
>>Nein, ich glaube, das wäre ihm sowieso egal. Hauptsache wir sind hier.<<
meinte Soryu , die scheinbar zurückgekehrt war.
>>Er ist noch so jung... Das ist einfach nicht richtig! << sagte
Rei leise.
>>Still jetzt! Er will etwas sagen...<< flüsterte Soryu.
Tabris hörte wie sich die Bettdecke bewegte und das Bett knarrte.
>>Es tut mir leid,... dass ich euch so viel...Ärger gemacht habe. Immer
und immer wieder... Ich wollte euch nur..danken... Ja, danke für ...alles.<<
keuchte der kranke Shinji.
>>Ist schon gut... Lass ruhig los. Es ist in Ordnung.<<
>>Dann kann ich also...sterben?<<
>>Du stirbst nicht,<< begann Soryu , >>Man stirbt erst, wenn
man vergessen wird.<<
>>Und wir werden dich nie vergessen.<< fügte Rei hinzu.
Tabris schlich sich weiter heran, um einen letzten Blick auf den vertrauten
Fremden zu erhaschen. Shinji lag in seinem Bett, blass wie der Vollmond. Misato
hielt seine Hand und Soryus lag auf seiner Stirn. Rei stand neben seinem Bett
mit Rei-Chan auf ihren Armen. Das kleine Mädchen hatte eine Puppe im Arm. Langsam
rollten dicke Tränen über ihre Wangen und fielen auf ihr weißes Nachthemdchen.
Tabris zögerte, solle er tatsächlich zu ihnen gehen und sich von Shinji verabschieden?
Er kannte ihn doch gar nicht und doch war Tabris traurig. Shinji lag im Bett
und blickte alle noch einmal an.
>>Jetzt gehe ich zu Toji, zu Kaji und zu meiner Mutter...<<
>>Bestelle ihn doch schöne Grüße von uns..<< sagte Misato, begann
zu weinen und doch lächelte sie. Soryu neigte sich zu Shinji hinunter und sprach
ganz leise zu ihm, so, dass es keiner außer ihm es hören konnte. Shinji lächelte
nur und sah dann ein letztes Mal in alle Gesichte.
Da glitt seine aus Misatos Hand und viel ganz sanft und leise auf die weiße
Bettdecke und Tränen fielen zu Boden.
by Süsell (immer noch) more to come
So und jetzt bitte nicht mehr heulen.