Essays

Written by Seashore

Der siebzehnte und letzte Engel hat viele Namen, und man kann davon ausgehen, daß "Kaworu Nagisa" nicht einmal sein richtiger ist: Die Qumram-Rollen nennen ihn "Tabris", den "Final Messenger" oder auch den "Angel of Free Will": Er ist der letzte der siebzehn Engel der Prophezeihung, und damit wird er zum letzten und mächtigsten Boten der Apokalypse. Aber zugleich ist er der einzige der "Shito", der in der Lage ist, selbst, aus freiem Willen, über sein Schicksal zu bestimmen. Und im Gegensatz zu seinen Vorgängern tritt er in der Gestalt eines Menschen auf, also in einer Form, die dem biblischen Urbild eines Engels sehr nahe kommt.

In der gesamten Serie taucht Kaworu nur zweimal auf: Einmal in Episode 24, wo er sich mit Shinji anfreundet, jedoch letztlich in das Terminal Dogma vordringt, um sich mit Adam zu vereinen, und dort scheitert. Er stirbt aus eigenem, freien Willen, indem er Shinji bittet, ihn zu töten. Zum zweiten Mal ist Kaworu dann im Kinofilm "The End of Evangelion" zu sehen: Gemeinsam mit Rei begleitet er Shinji auf seiner Wanderung durch das LCL-Meer und seine eigene Seele.

Doch woher kam Kaworu? In Episode 24 hören wir, wie Misato und Hyuga über ihn diskutieren. Daraus geht hervor, daß er am Tag des Second Impact (13. September 2000) geboren wurde, aber alle anderen Daten über ihn gelöscht wurden - genau wie bei Rei. Trotzdem glaube ich nicht, daß er ein künstliches Wesen wie sie ist. Das ist es nicht, was ihn mit ihr verbindet. Vielmehr erfahren wir, daß er von SEELE als Fifth Children ausgewählt und als vermeintlicher Ersatz für die im Koma liegende Asuka zu NERV geschickt wurde.

Aber wie gelangt SEELE in den Besitz eines Engels? Es ist durchaus denkbar, daß sie ihn in einer Form gefunden haben, in der auch Adam und Sandalphon (das Wesen, das man in Episode 10 aus dem Vulkan zu bergen versucht) entdeckt wurden: Im Embryonalstadium. Wohlmöglich ist es ihnen gelungen, Tabris dadurch, daß sie seiner in einer so frühen Entwicklungsphase habhaft wurden, unter ihre Kontrolle zu bringen. Wohlmöglich haben sie ihn manipuliert. Zumindest sollte klar sein, daß sie ihn hinsichtlich der Kreatur, die im Terminal Dogma gefangengehalten wird, belogen haben, denn Kaworu, der das Wesen für Adam hält, muß plötzlich feststellen, daß es sich in Wirklichkeit um Lilith handelt. Er sagt dann: "Nein, das ist Lilith! Ich verstehe, Lilim...". Meiner Ansicht nach durchschaut er in diesem Moment, daß SEELE ihn für ihre Zwecke mißbrauchen wollten, und aus diesem Grund führt er die Verschmelzung nicht durch.

Denkbar ist auch, daß die Leute von SEELE ihn mit Daten über alle Mitglieder von NERV, aber auch über die Welt der Menschen "gefüttert" haben. Denn er erkennt Shinji bei ihrer ersten Begegnung am Strand, und das liegt sicher nicht nur an seiner Berühmtheit, wie er vorgibt. Ebenso weiß er offenbar alles über Rei (er paßt sie an der Rolltreppe ab und sagt: "Du bist das First Children, Ayanami Rei? Du bist wie ich."). Was jedoch noch wesentlich verblüffender erscheint: Er kennt zahlreiche Philosophien über das Leben und Streben der "Lilim", so als hätte er bereits lange Zeit lang einen tiefen Eindruck in den menschlichen Geist erlangt. Daß SEELE ihm ein so großes Wissen über die Menschen hat zukommen lassen, ist unwahrscheinlich: Wenn man jemanden täuschen will, ist es besser, ihm nicht zu viel über sich selbst zu verraten. Er muß sich dieses Wissen also entweder selbst angeeignet haben oder bereits von vorneherein darüber verfügt haben - durch Gott...?

Es ist schwer zu sagen, ob die Engel in Evangelion wirklich von Gott kommen. Eines ist jedoch sicher: Die Macht, die sie geschickt hat, ist während der gesamten Serie nicht zu sehen. Es gibt keinen zentralen Bösewicht, der seine Kreaturen aussendet, damit sie für ihn die Drecksarbeit machen. Dennoch gibt es gewisse Andeutungen dafür, daß es sich bei dem mysteriösen "Auftraggeber" tatsächlich um den christlichen Gott handeln könnte: Zum Beispiel besitzen zwei der Engel (Sachiel und Zeruel) eine Strahlenwaffe, deren Schüsse sich in Form eines riesigen Kruzifixes aus purem Licht manifestieren...

Tabris erscheint in seiner menschlichen Gestalt - und es ist tatsächlich nicht sicher, wenn auch nicht ganz auszuschließen, ob er überhaupt eine andere Form besitzt - als ein typischer "Bishonen", ein "hübscher Junge", dessen Typus im Anime und Manga an allen möglichen und unmöglichen Stellen aufzutauchen pflegt. Zitat aus einer Projektskizze der Gainax-Zeichner: "Er ist städtischer, smarter, asexueller als Shinji. Sein Gesicht ist auch kleiner. Er ist zwar groß, aber zartgliedrig." Eine treffendere Beschreibung von Kaworu Nagisas äußerer Erscheinung ist nur schwer zu formulieren. Durch seine silbernen Haare und die roten Augen, welche zugleich etwas Unheimliches, Fremdartiges ausstrahlen, als auch eine seltsame Faszination beim Zuschauer auslösen, aber auch durch seine bleiche Haut (all das gemahnt sehr an einen Albino) und sein ständiges sanftes Lächeln erscheint er überirdisch, fast unwirklich. Der Zuschauer kann beim ersten Blick sofort erahnen, daß er mehr ist als nur ein vierzehnjähriger Junge.

Hinzu kommt die Art und Weise, wie er auftritt: Als erstes sehen wir ihn auf einem Felsen am Seeufer in der Abenddämmerung sitzen, die Melodie von Beethovens 9ter Symphonie, "Ode an die Freude", vor sich hinsummend. Bei seinen nächsten nennenswerten Auftritten, bei denen er Rei abpaßt und ihr verrät, daß sie ihm ähnelt, bzw. Shinji vor den Gates trifft, mit ihm gemeinsam in die Dusche und danach mit ihm in seinem winzigen Zimmer zu Bett geht, ja, auch während des gnadenlosen Kampfes unter dem NERV-Hauptquartier und sogar in den letzten Minuten seines Lebens zeigt er stets ein und das selbe Verhalten, das seinen gesamten Charakter zu dominieren scheint: Er gibt sich souverän, selbstbewußt, jedoch keineswegs eitel, zielstrebig, einnehmend, philosophisch, geheimnisvoll, offen, mit einer gewissen Neugier, weise und dennoch ein wenig naiv... diese Liste von Adjektiven ließe sich noch weiter verlängern. Alles in allem scheint er ein sehr positiver Charakter zu sein, der - im Gegensatz zu den anderen Figuren in Evangelion - nicht durch böse alte Erinnerungen und Traumata aus der Kindheit geplagt wird. Diesen Eindruck übt er nicht nur auf den Zuschauer, sondern auch auf Shinji aus.

Sein Verhalten gegenüber dem Jungen ist offen, geprägt von ehrlicher Zuneigung, von Interesse für Shinjis Person, ohne jegliche Vorbehalte. Im Gegensatz zu Toji und Kensuke, die Shinji zunächst eher negativ sehen, bis sie sich langsam mit ihm anfreunden, zu Rei, die sich durch ihren eigenartigen Charakter und ihre Sichtweise der Geschehnisse zu sehr von Shinji unterscheidet, zu Asuka, die in dem Jungen hauptsächlich einen Versager sieht, den sie ständig unterbuttern muß, zu Misato, die in ihm zunächst nur ein Werkzeug sieht... im Gegensatz zu all diesen Leuten bietet Kaworu Shinji von Anfang an seine Freundschaft an.

Aber ist das wirklich Freundschaft? Tut er das nicht wohlmöglich nur, um Shinji an sich zu binden und ihn auszunutzen? Oder gar, um die menschliche Psyche zu erforschen? Ich persönlich glaube das nicht. Seinem Verhalten haftet bei weitem nicht diese kompromißlose Destruktivität an, die die anderen Engel an den Tag legen. Natürlich ist auch Tabris gekommen, um zu zerstören, und letztendlich ist dies das einzige Ziel, das er verfolgt. Und doch hat man immer wieder den Eindruck, daß er die wenigen Stunden, die er unter den Lilim lebt, genießt, daß er während dieser Zeit nicht nur nichts zerstört, sondern sogar aufbaut: Er gibt Shinji etwas, was dieser nie zuvor gekannt hat, nämlich ein vorbehaltloses Vertrauen in ihn und einen Halt, den er so dringend benötigt, jemanden, der bereit ist, ihm zuzuhören, und der ihn versteht. Selbst während seines Angriffs sinniert er über die Menschen und über den Zusammenhang mit EVA. Er tut alles mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. Und es erscheint fast barbarisch, ihm anzulasten, daß er ein Lügner wäre. Kaworu hat niemals behauptet, daß er ein Mensch ist. Er sagt von sich selbst zu Shinji: "Ich bin ein manipuliertes Kind wie du, das Fifth Children." Auf Fragen, die seine nähere Natur zu ergründen suchen, geht er dagegen nicht ein. Wohlmöglich bedeutet das, daß er gar nicht lügen kann, daß sein Verhalten von einer naiv-archaischen Ehrlichkeit durchzogen ist.

Umso erschreckender mutet die mühelose und unter allen Engeln absolut einzigartige Zielstrebigkeit an, mit der er unaufhaltsam immer tiefer in das Central Dogma vordringt. Dabei wirkt er noch wesentlich unirdischer: Sein AT-Field erzeugt ein kontinuierliches blasses Licht, das seinen Körper einhüllt und ihn wie einen Geist, wie ein Wesen aus einer anderen Welt erscheinen läßt. Er schwebt in der freien Luft, obwohl er keine Flügel besitzt. Kraft seines Willens kontrolliert er EVA 02, ohne in ihn einzusteigen, und der rote Roboter folgt ihm wie ein willenloser Sklave und beschützt ihn ohne Rücksicht auf Verluste. Und allein durch die Macht seiner Gedanken, nur mit einem Blick, öffnet er das Sicherheitsschloß zu "Heaven's Door". Ein gewaltiger Bannkreis, entstanden durch sein AT-Field, legt sämtliche hochmoderne Überwachungstechnik der NERV-Operatoren auf einen Schlag lahm. Obwohl er auf den ersten Blick im Vergleich zu den anderen Engeln klein, schwach, von gar allzu menschlicher Verwundbarkeit erscheint, so zeigt sich doch in diesen letzten Minuten seines Lebens seine gewaltige Macht auf der einen und seine beispiellose geistige Stärke auf der anderen Seite. Dazu gehört auch, daß er sich am Ende freiwillig dem Tod hingibt, ja, sich von Shinji den Tod wünscht, um ihm die Zukunft zu schenken.

Kaworus Tod wiederum reißt eine gewaltige Wunde in Shinjis Seele, denn gerade weil er diesen fremdartigen Jungen, der sich hinterher als Engel entpuppte, so geliebt hat, ist er hinterher umso mehr am Boden zerstört. Damit liefert Kaworus bloße Existenz, sein Verhalten gegenüber Shinji und sein spektakulärer Tod den Nährboden für Shinjis Selbstfindung in Episode 25 und 26, aber auch für sein Verhalten im Film "The End of Evangelion". Aber Tabris ist noch weitaus mehr als nur die Triebfeder für den Hauptcharakter Shinji Ikari: Er ist ein eigenes Phänomen, ein Wesen, das kurz vor dem Höhepunkt der Ereignisse in der Eva-Saga auftritt und bereits für sich allein genommen, allein durch seine Art, seinen Charakter, seinen Status als Engel - und noch dazu als letzter Engel, nach dessen Tod das HCP ins Rollen kommen wird - eine wichtige Figur, ungeachtet der Tatsache, daß er kaum häufiger auftaucht als Yui Ikari oder Naoko Akagi. Trotzdem dominiert er die wenigen Minuten Film, in denen er zu sehen ist; es ist dem Zuschauer nicht möglich, seine Aufmerksamkeit von diesem fremdartigen Wesen zu wenden, denn im Gegensatz zu den anderen "normalen" Charakteren von Evangelion bildet er einen Riß im Gewebe des Charakterdesigns, ja, der ganzen Story, weil der Betrachter zum ersten Mal einer Figur begegnet, mit der er sich nicht identifizieren, die er nicht einmal in eine bestimmte Schublade stecken kann.

Was bleibt, ist ein schales Gefühl nach seinem Tod... und die Gewißheit, daß er vielleicht noch lebt, irgendwo da draußen, wie es in zahlreichen Dojinshi und Fanfics geschildert wird...

(C) 2000-2002 by Seashore